Premnitz 1918 bis 1945

Nach dem Krieg

Am 3. November 1918 begann mit dem Aufstand der Kieler Matrosen die Revolution in Deutschland. Im Kreis Westhavelland begannen die revolutionären Ereignisse mit einer großen Kundgebung auf dem jetzigen Dunckerplatz in Rathenow. Zu den Arbeitern sprach als Vertreter der SPD-Führung Karl Priefert, der gleichzeitig Vorsitzender des Metallarbeiterverbandes im Kreis Westhavelland war.

An einem der folgenden Tage sprach Priefert auch in der Werkkantine der Premnitzer Pulverfabrik.

Am 12. November 1918 wurde von den revolutionären Arbeitern auf dem Schießwollegebäude die rote Fahne gehisst. Die Fabrikleitung bekam es mit der Angst zu tun. Sie entließ die in der Kriegsproduktion beschäftigten Arbeiter und schickte sie in ihre Heimatorte zurück. Um die Arbeiter recht schnell loszuwerden, bezahlte man ihnen sogar das Fahrgeld und gab ihnen Zehrgeld bis zum Betrag von zehn Mark, das jedoch vorsichtshalber erst im Heimatort ausgezahlt wurde. Die Mehrheit der Arbeiter wurde entlassen; insgesamt verblieben nur noch 574 Beschäftigte im Betrieb, um solche Arbeiten ausführen zu können, die zur Aufrechterhaltung der Fabrik unbedingt notwendig waren. Doch das Ende des Krieges hatte sich schon in den Monaten vorher abgezeichnet, indem die Produktion und die Anzahl der Arbeitskräfte stark reduziert worden waren.

Am 10. November 1918 wurde in der Pulverfabrik ein Arbeiterausschuss gewählt.  

 

Der Aufbau der Kunstfaserfabrik

 

Zu Beginn des Jahres 1919 waren nur noch etwa 100 Arbeitskräfte in der Pulverfabrik beschäftigt, um abschließende Vermengarbeiten durchzuführen. Die Waffenstillstandsbedingungen sahen vor, dass auch die Pulverfabrik Premnitz als Kriegsmittelproduzent stillgelegt wurde. Im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 war dann festgelegt, dass die Pulverfabrik teilweise demontiert werden sollte. Bis zu Jahre 1922 wachte eine Kommission der Entente in Premnitz darüber, dass dieser Prozess durchgeführt wurde.

Der Vorsitzende der Abrüstungskommission, General Nolet, kam selbst einige Male nach Premnitz, um den Fortgang der Demontagearbeiten zu kontrollieren. Sein Ausspruch war: "... Doit être totalement rase...doit être detruit" (alles muss dem Erdboden gleich gemacht werden, alles muss zerstört werden). So wurden zum Beispiel Spandauer Pioniere eingesetzt, die mit Dynamitladungen Schornsteine stürzten, Maschinen und Kessel zerschmetterten und die gesamte Kraftzentrale zertrümmerten.

Am 25. April 1919 war die neue Firmenbezeichnung "Köln-Rottweil-Aktiengesellschaft, Fabrik Premnitz" eingeführt worden.

Der Konzern unternahm alle Anstrengungen, um zu verhindern, dass die größte seiner Fabriken, die in Premnitz lag, völlig dem Erdboden gleichgemacht wurde. Ein Ausweg lag darin, den Betrieb mit den wenigen verbliebenen Arbeitskräften auf Kunstseideproduktion nach dem Viskoseverfahren umzustellen.

Doch mit der Herstellung von Kunstseide allein konnte die Köln-Rottweil-Aktiengesellschaft nicht konkurrenzfähig bleiben. Deshalb begannen bereits gegen Ende des Jahres 1918 in den Räumen der Direktion der AG in der Dorotheenstraße in Berlin erste Besprechungen über die Produktion einer neuartigen Kunstfaser. Diese sollte nicht wie Seide oder Kunstseide ein endloser Faden sein, sondern ähnlich wie Wolle oder Baumwolle eine verhältnismäßig geringe Länge aufweisen. Der neue Faserstoff musste auch einen bestimmten "Stapel" besitzen, um auf vorhandenen Spinnmaschinen mit Wolle oder Baumwolle verarbeitet zu werden. (Als "Stapel" bezeichnet der Textilfachmann die Durchschnittslänge der natürlichen Fasern.)

Die Arbeiten an einer Versuchsanlage zur Herstellung von Stapelfasern waren schon soweit fortgeschritten, dass bereits Anfang März 1919 der Betrieb aufgenommen werden konnte.