Premnitz 1914 - 1918
Die Pulverfabrik
Schon einmal stand Premnitz an einem
wirtschaftlichen Wendepunkt. Nachdem 1904
die Brandenburgische Städtebahn eröffnet wurde und 1913
im Ort zum ersten Mal elektrisches Licht brannte, bahnte sich die erste
industrielle Ansiedlung an. Die Pulverfabrik! Im Frühjahr des Jahres 1915
verhandelte der Beauftragte der Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken,
Prahst aus Rathenow, mit Premnitzer Bauern und dem Besitzer der Ziegelei. Es
ging um den Ankauf von Land. In den ersten Sommermonaten wurde der Handel
perfekt. Insgesamt wurden 2.000 Morgen Land , einschließlich der Ziegelei,
gekauft.

Nachdem der Konzern in Premnitz
größere Ländereien aufgekauft hatte, begannen die Vorbereitungen zum Bau
einer Pulverfabrik. Erst im Juli 1915
wandte sich der Konzern an die königliche Feldzeugmeisterei, Inspektion der
technischen Institute der Artillerie in Berlin, und gab ihr Kenntnis vom Erwerb
des Geländes.
In dem Schreiben heißt es:
" Die Erfahrungen des Krieges haben gezeigt, dass die geographische Lage
unserer größeren Fabriken, namentlich die der Pulverfabrik Rottweil, wenig
günstig ist. Durch die Erwerbung eines Geländes an der Havel und durch die
Erbauung einer Fabrik im Herzen Deutschlands wollen wir Besorgnisse in dieser
Beziehung beseitigen. Des weiteren sind unsere sämtlichen Fabriken bis zur
Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angespannt, so dass wir keinerlei Reserve mehr
haben, um einen durch Unglücksfälle oder sonstige Ereignisse eintretenden
Ausfall in der Pulvererzeugung ausgleichen zu können. Wir erachten es deshalb
als ein dringliches Gebot der Vorsicht, eine größere Sicherung nach dieser
Richtung hin zu schaffen."
Bereits am 23. Juli, also vier Tage
nach dem Schreiben des Konzerns, wurde von der Feldzeugmeisterei der Bau
dieser Pulverfabrik befürwortet.
Im Kantinengebäude der Ziegelei
wurden im August 1915
die Verwaltungsbüros, das Kasino und zwei Beamtenwohnungen eingerichtet. Im
September 1915
traf Dr. Blacke in Premnitz ein und übernahm die Leitung der Anlage. Aus
Rathenow waren die Baufirmen Adolf Wodke, Franz Rüthning und Hermann Gäding am
Bau beteiligt, die sich zu einem Konsortium zusammenschlossen.
Tagelang rollten die Eisenbahnzüge
mit Material, Betonmaschinen und anderen Maschinen nach Premnitz. Viele
Bauarbeiter trafen ein. Ende des Jahres 1915 waren es etwa 4.000. Für die
Unterbringung und Verpflegung der Arbeiter waren die Baufirmen selbst
verantwortlich.
Die Vereinigten Köln-Rottweiler
Pulverfabriken errichteten den Bahnhof Premnitz-Süd. Für Angestellte wurden 1915
an der ehemaligen Tongrube (heutiger See) ein Einfamilienhaus und fünf
Doppelwohnhäuser gebaut.
Zur Inbetriebnahme der Pulverfabrik
war es notwendig, viele Arbeiter einzustellen. So entstand in Rathenow,
Bahnhofstraße 23, ein Büro, das die Aufgabe hatte, Arbeitskräfte anzuwerben.
Zusätzlich schickte die Betriebsleitung Werber aus. Diese
"Kopfgeldjäger" bekamen, wenn sie mindestens 10 Personen mitbrachten,
je Kopf eine Mark Prämie. Hunderte von Menschen wurden in Großtransporten aus
dem Erzgebirge, dem Vogtland, aus Berlin und anderen Gegenden Deutschlands nach
Premnitz geschafft. Trotzdem reichten die Arbeitskräfte noch nicht aus. Der
Staat sorgte durch Dienstverpflichtungen für weitere Arbeiter, denen Löhne
nahe dem Existenzminimum gezahlt wurden.
Ein großer Teil der Arbeiter kam in
dieser Zeit der Aufbauperiode aus Berlin und Umgebung. Sie konnten nur zum
Wochenende nach Hause fahren. Am späten Sonntagabend fuhren Sie von Premnitz ab
und mussten Sonntagabend wieder an Ort und Stelle sein. Die Arbeiter fuhren mit
dem sogenannten Balkanzug, der eigens zu diesem Zweck von Premnitz-Süd bis
Berlin, Lehrter Bahnhof, verkehrte. Diese Arbeiter erhielten lediglich ein
Mittagessen im Werk. Die übrigen Mahlzeiten mussten sie sich selbst besorgen.
Ihre knapp bemessenen Lebensmittel konnten sie im sogenannten Werkkonsum kaufen,
der sich im heutigen Amtsgebäude in der Liebigstraße befand. Aus diesem
Verkaufssystem zogen die Konzernherren einen zusätzlichen Profit.
Hatte jemand etwas gegen diese
Zustände bekam er den Einberufungsbefehl.
Am 5.
Oktober 1916 wurde in Premnitz über eine
Erweiterung der Pulverproduktion verhandelt. Die Oberste Heeresleitung hielt
eine Ausdehnung der Produktion auf das Fünffache für erforderlich.
Die Höchstbeschäftigungsziffer bei
voller Auslastung der Kapazität betrug Anfang
1917 einschließlich der damals im Werk
tätigen Montagekräfte 7.500 Arbeiter und Angestellte.
Der Höchstlohn für Arbeiter betrug
damals 50 Pf./Std. mit zusätzlich 20 Pf./Std. Kriegszulage.
Preise für Grundnahrungsmittel
|
|
Mai 1913 |
|
Mai 1916 |
| Erbsen |
39,4 Pf |
|
Erbsen |
104,5 Pf |
| Bohnen |
45,1 Pf |
|
Bohnen |
112,9 Pf |
| Kartoffeln |
7,6 Pf |
|
Kartoffeln |
13,4 Pf |
| Butter |
269,6 Pf |
|
Butter |
532,1 Pf |
| Roggenbrot |
29,0 Pf |
|
Roggenbrot |
39,2 Pf |
| Buchweizengrieß |
54,3 Pf |
|
Buchweizengrieß |
118,4 Pf |
| Weizengrieß |
48,7 Pf |
|
Weizengrieß |
92,6 Pf |
| Gerstengraupen |
42,7 Pf |
|
Gerstengraupen |
102,7 Pf |
1917 entstanden für die ständig neu
ankommenden Arbeiter weitere 31 Baracken, die 1.200 Männer und 1.100 Frauen und
Kinder aufnahmen. Für die Beamten wurden weitere zehn Wohnungen am See, für
die Meister 22 in einer extra vom Konzern angelegten Straße errichtet. |